In Deutschland tritt nur bei jedem tausendsten unfallbeteiligten Pkw vollständiges Aquaplaning als Unfallursache auf*

Seitdem das Phänomen Ende der 1950er Jahre identifiziert wurde, gilt der Effekt des Aquaplanings als gefährliches Ereignis für Autofahrer.

Die Frage nach der Häufigkeit des Aquaplanings wird in der Fachwelt vielfach diskutiert. Hier treffen teilweise gegensätzliche Positionen aufeinander. Einerseits gibt es die Aussage, dass ein wesentlicher Anteil der Nässeunfälle auf Aquaplaning zurückzuführen ist und andererseits, dass es sich dabei um einen sehr seltenen Fall handelt und der Nassgriff von führender Bedeutung ist. Beiden Positionen fehlt es bisher an verlässlichen Statistiken und wissenschaftlichen Grundlagen. Obwohl das Phänomen des Aquaplanings seit etwa 60 Jahren beschrieben wird, ist es nahezu unmöglich eine wissenschaftliche Einschätzung zur Häufigkeit von Fahrzeugunfällen durch Aquaplaning zu finden, insbesondere in Europa.

Um sich diesem Thema zu nähern, hat die VUFO eine Analyse* für Deutschland durchgeführt. Mit den Erkenntnissen sind Forscher nun in der Lage, die Anzahl der Unfälle durch Aquaplaning wissenschaftlich und objektiv zu quantifizieren.

Die Ergebnisse zeigen, dass nur bei etwa 1 (0,15%) von 1.000 Pkw, die an Unfällen mit Personenschäden beteiligt waren, vollständiges Aquaplaning zum Unfall führte. Das bedeutet auch, dass bei Nässeunfällen das vollständige Aquaplaning 100-mal seltener auftritt als "normale" Nassgriff-Situationen (0,6% bzw. 62%), wobei zu berücksichtigen ist, dass ein partielles Aquaplaning auch in der Nassgriff-Situation existieren kann.


Abbildung 1: Relevanz von Nässeunfällen in Deutschland und Anteil meherer Griffsituationen auf nasser Fahrbahn

Die aus den Analysen resultierenden Endergebnisse sind in der folgenden Tabelle zusammengefasst:


Tabelle 1: Ergebniszusammenfassung für Aquaplaning als Grundursache für Unfälle in Deutschland

Die Studie verwendet zwei Datenquellen mit einer maximalen Anzahl von Fällen, um eine Chance zu haben, die relevanten Situationen des Aquaplanings zu erfassen.

Die erste verwendete Datenquelle ist eine so genannte In-Depth Unfalldatenbank (GIDAS), die 24 577 Personenkraftwagen und für jeden von ihnen relevante Informationen zur Bestimmung des vollständigen Auftretens von Aquaplaning enthält (z.B. Reifenprofiltiefe, Anfangsgeschwindigkeit, Regenintensität, Vorhandensein von Spurrillen, etc.). Mit diesen Parametern sowie Informationen aus dem Fahrerinterview, der Unfallbeschreibung und der Unfallrekonstruktion ist es möglich, eine objektive Wahrscheinlichkeit zu bewerten, dass der Unfall durch Aquaplaning verursacht wurde.

Die zweite Datenquelle sind Polizeiberichte des gesamten Bundeslandes Sachsen. Dabei wurde ein Zeitraum von zwei Jahren (Juli 2015 bis Juni 2017) mit mehr als 204.000 Unfällen mit Pkw berücksichtigt. Die Beschreibung der Unfälle ist weniger detailliert, aber mit entsprechender Keyword-Recherche ist es möglich, die Relevanz der Hydroplanung in der Phase der Unfallauslösung abzuschätzen.

Die Analyse von Personenkraftwagen in der GIDAS-Datenbank war die wichtigste Ergebnisquelle, da Polizeiberichte nicht unbedingt Informationen über Aquaplaning liefern und eine Verzerrung wahrscheinlich ist.

*VUFO-Studie "Analyse von Aquaplaningunfällen"; 2018; Basis: GIDAS-Daten von 2005-2017, n=22.783 Pkw, davon 5.810 Fahrzeuge bei Unfällen mit bekannter Regenintensität.

Was ist Aquaplaning?

Ein Reifen, der mit hoher Geschwindigkeit über eine nasse Oberfläche fährt, bewegt einen „Wasserkeil“ vor sich her. Das Zusammenspiel von Reifen und Wasser an der Vorderseite der Aufstandsfläche bewirkt einen Anstieg des Wasserdrucks (hydrodynamischer Druck). Wenn dieser Druck über den des Reifen-Straßen-Kontaktdruckes steigt, kann das Wasser nicht mehr abtransportiert werden und der Reifen hebt von der Fahrbahnoberfläche ab. Dies wird als Aquaplaning bezeichnet. Abhängig von der Wassertiefe verliert der Reifen ab einer bestimmten Geschwindigkeit jeglichen Kontakt zur Fahrbahnoberfläche und reduziert so seine Brems- und Lenkkapazität drastisch.

Die beiden Hauptfaktoren, die das Aquaplaning beeinflussen, sind die Fahrzeuggeschwindigkeit und die Tiefe des stehenden Wassers auf der Straße. Außerdem spielen das Reifenprofil und die Form der Aufstandsfläche eine Rolle bei der Ableitung von Wasser aus der Aufstandsfläche und damit bei der Aufrechterhaltung des optimalen Kontaktes des Reifens mit der Fahrbahnoberfläche. Die Fahrbahnoberfläche wirkt sich auch auf den Aquaplaning-Prozess aus.

Aquaplaning wird oft fälschlicherweise als ein binärer Prozess angesehen - entweder greifend oder schwimmend. Die Realität ist jedoch deutlich komplexer. Wie in Abbildung 2 dargestellt, ist das Aquaplaning ein fortschreitendes Phänomen, das je nach Wassertiefe auf der Straße und Fahrzeuggeschwindigkeit die mit der Straße in Berührung kommende Fläche und damit die Oberfläche, auf der der Griff arbeiten kann, allmählich reduziert. Häufig is auf nassen Straßen in sehr geringem Maße Aquaplaning vorhanden (partielles Aquaplaning), was die Kontaktfläche reduziert und damit den Reifengriff verringert.


Abbildung 2: Mit zunehmender Geschwindigkeit nimmt die Aufstandsfläche ab (Wasser wird zur Verbesserung des Kontrasts gründ dargestellt)

Wie kann man das Risiko beim Aquaplaning vermeiden oder reduzieren?

Zuerst sollten der Zustand und der Reifeninnendruck der Reifen regelmäßig überprüft werden. Ein zu geringer Reifeninnendruck erhöht das Aquaplaning-Risiko erheblich (und erhöht zusätzlich Kraftstoffverbrauch und Verschleiß). Mit einem Unterschreiten des empfohlenen Reifeninnendruckes von 30%, steigt das Risiko des Aquaplanings deutlich an. Zweitens sollte die Geschwindigkeit an die Wetter- und Straßenverhältnisse angepasst werden. Schließlich sollten bei Aquaplaning plötzliche Brems- oder Lenkmanöver vermieden werden.